Erwachen

Ich erwache! Wenn einem das zum dritten oder vierten Mal passiert, verliert das Schicksal ein wenig von seinem Schrecken. Ich bin jetzt wohl eine erfahrene Seelenreisende. Neben mir regen sich meine Begleiter aus einem jahrtausendelangen Schlummer in der Grabkammer von Brysis von Khaem. Meine Glieder fühlen sich steif und schwer an, wie tiefgefrorener Lehm. Aber wie sollte es auch anders sein, wenn man wortwörtlich aus Stein bestanden hat? Vergisst das Fleisch eigentlich jemals, dass es so lange in eine unbewegliche Form gepresst wurde?

Die Luft riecht abgestanden, nach Staub und Vergessen. Der Trägerzwerg stöhnt in meiner Nähe, und sofort zucken meine Ohren – eine Gewohnheit, die ich wohl nie ganz ablegen werde. Ich richte mich auf und mein Blick fällt auf die Statue in der Mitte des Raums, die bei unserer Versteinerung noch gar nicht da war. Es ist Tante Brysis. Auch ihr steinerner Blick wird weich, wandelt sich in weiches Gewebe – sie hat es tatsächlich irgendwie geschafft! Doch bevor ich mich freuen kann, krümmt sich meine Lehrerin, gehüllt in ungewöhnlich schlichte Gewänder, und übergibt sich auf den kalten Boden. Geht es ihr gut?

Anscheinend nicht, und mit dem Trägerzwerg stimmt doch auch schon wieder was nicht. Er will Brysis umbringen! Die anderen starren ihn nur perplex an, während in mir die Panik aufsteigt. Ich will meine Tante beschützen und webe instinktiv eine Sturmwand aus Wind und Furcht, doch es ist, als wollte man eine Lawine mit einem Fächer aufhalten. Der Trägerzwerg wächst, er wird zum Trägerriesen, und seine Wut lässt die Kammer erzittern! Wenn das so weitergeht, wird dieses Grab doch noch seinen Zweck erfüllen, oder?

Der Riese steht drohend über meiner Lehrerin, und ich weiß, dass Worte allein nicht reichen werden. Ich setze alles auf eine Karte: Mit einem Gedankenstoß, den Brysis mich lehrte, lasse ich die Hörnchengestalt fallen. Die vertraute Enge meines Fells reißt auf und ich strecke mich in die Höhe, bis ich auf schwankenden Füßen vor ihm stehe – in einem mir inzwischen unvertrauten Körper eines jungen Menschen, der so kurz davor ist eine Frau zu werden. Ich hebe meine zitternden Hände und flehe ihn an, Brysis kein Leid anzutun. Er sieht mich an, und in seinen riesigen Augen spiegelt sich das tote Mädchen vom Evermoor Way, das er damals begraben hat und das nun vor ihm steht. Wird er den Schmerz in meiner Stimme erkennen?

Es herrscht Stille. Die Gewalt ebbt ab wie eine zurückweichende Flut. Ich versuche dem Riesenträgerzwerg zu erklären, was passiert ist: Tante Brysis hat mich nicht gefangen gehalten, sie hat mich befreit! Sie hat mir meinen Körper zurückgegeben, den Körper, der damals nicht mehr leben konnte, als die vermaledeiten Halunken der Faust meine Familie aufknüpften. Sie hat mich in die Arme genommen – als erste Frau seit meiner Mutter – und mir die Geheimnisse ihrer Welt gezeigt. Ich liebe den Trägerzwerg, weil er meine Seele gerettet hat, und ich liebe Tante Brysis, weil sie mir mein Leben zurückgab. Warum kann die Welt nicht groß genug für beide Lieben sein?

Vielleicht habe ich all das gar nicht laut gesagt, vielleicht war es nur ein stummes Gebet in meinem Kopf, während ich mich an seine glatte Rüstung drückte. Wir sollten doch alle aufeinander aufpassen, wie ein Wald, in dem die Wurzeln sich gegenseitig halten! Ich wünsche mir so sehr eine Familie zurück, dass es in meiner Brust wehtut. Erschöpft von der menschlichen Gestalt schlüpfe ich zurück in das vertraute Fell des Flughörnchens und verkrieche mich in meinem Kobel. Hier riecht es nach Sicherheit. Ob die anderen auch so müde sind wie ich?

Ich nicke kurz ein und fühle mich beim Aufwachen wie ein Murmeltier mitten im Wintersturm. Schon wieder Streit! Tante Brysis tritt durch eine Tür, die eben noch nicht da war, und hält diesen hell strahlenden Stein in der Hand – das Sonnenherz! Der Riesenkobold versucht sie aufzuhalten, doch sie drückt sich das Artefakt gegen die Brust und… explodiert! Es ist kein Feuer, sondern eine lautlose Eruption aus Licht und absoluter Gewissheit, die jeden Schatten in der Kammer für einen Herzschlag lang einfach auslöschte. Als sich meine Augen wieder an das schummrige Licht im Grab gewöhnen, liegt meine Lehrmeisterin erneut erschöpft am Boden, begraben unter dem Gewicht des sieben Fuß großen, silber geschuppten Kobolds. Wird denn der Streit niemals enden?

Aber diesmal bleibt weitere Gewalt aus. Brysis schwört dem Riesenkobold die Treue und bietet sogar einen magischen Eid an. Ich spüre das Misstrauen, das wie kalter Rauch im Raum steht; weder die Silberprinzessin noch der Hibbelgnom trauen dem Frieden, und erst recht nicht der Trägerzwerg. Einzig der Finsterelf scheint Gefallen an meiner Tante und ihrem neuen Glanz gefunden zu haben. Muss ausgerechnet er der Einzige sein, der meine Sicht der Dinge teilt?

Der Rest verschwimmt in der Hektik des Aufbruchs. Tante Brysis schlägt vor, uns in ihre alte Villa zu teleportieren – sie vermutet den Hort des Drachen Iymrith in den Ruinen von Eileanar, ganz in der Nähe des Zeittors. Die anderen stimmen misstrauisch zu, und Brysis beginnt mit der Formel für die Teleportation. Meine Eingeweide ziehen sich allein beim Gedanken an das erneute Zerreißen des Raumes zusammen. Wo werden wir wohl diesmal wieder ausgespuckt werden?