Familienvereinigung
Das bekannte Ziehen im Kiefer lässt nach, der Raum hört auf sich zu drehen, und mit einem dumpfen, erdbebengleichen Krachen landen wir genau dort, wo wir hinwollten: mitten im Ivy Mansion der Harpell-Familie. Und als wäre das nicht schon eng genug für die schiefen Deckenbalken, haben wir auch noch die tonnenschwere, eiskalte Steinstatue von König Hekaton im Schlepptau. Doch kaum lichtet sich der arkane Staub, folgt der erste Schock: Wo zur Hölle ist Tante Brysis? Eben stand sie doch noch direkt neben uns in der Arena – und jetzt klafft da einfach eine Lücke. Keine Asche, kein Fluch, kein Abschiedswort. Die Arkanistin hat sich einfach klammheimlich unserem Teleportationszauber entzogen, während wir alle um unser nacktes Überleben gerannt sind. Wo streift sie jetzt ganz allein herum, und vor allem: was führt sie im Schilde?
Viel Zeit für Panik bleibt uns allerdings nicht, denn das Anwesen der Harpells verwandelt sich innerhalb von Herzschlägen in ein absolutes Tollhaus. Boten schwirren aus, magische Federn kratzen über Pergament, und unsere Verbündeten werden alarmiert: die Harfner, die Silberwacht von Silbrigmond und natürlich Prinzessin Serissa. Und dann beginnt die eigentliche Magie. Der Trägerzwerg tritt vor, murmelt uralte Formeln, webt mächtige Bannungen und bricht die grausame Versteinerung mit einem aufwendigen Ritual. Stück für Stück weicht der leblose Stein, bis der gewaltige König Hekaton wieder wahrhaftig vor uns steht – aus echtem, schwerem Fleisch und bebendem Donner. Die Erleichterung von Serissa ist deutlich zu spüren: die Riesen sind voller Dankbarkeit, überhäufen die Tall Hunters mit fürstlichen Belohnungen für unsere Heldentaten und ziehen sich schließlich mit ihrem geretteten König in die Tiefen ihrer Festung Maelstrom zurück. Ist die uralte Bedrohung der Riesen damit wirklich gebannt, oder war das bloß die Ruhe vor einem noch viel größeren Sturm?
Kaum schlägt das Portal hinter den Titanen zu, sitzen wir mit den Harfnern und den Harpells am Tisch, um das nächste finstere Schlamassel zu ordnen. Doch anstatt durchatmen zu können, wird der silberne Drachenkrieger eiskalt ins Herz getroffen – ganz ohne Klingen oder Blitze, sondern durch getrocknetes Siegelwachs. Die Harfner überreichen ihm ein schweres Schreiben direkt aus seiner fernen Heimat Tymanther, verfasst von seinem eigenen Clan-Großmeister. Ich habe Odas Gesicht gesehen, als er die Zeilen las: die grausame Faust der Gerechtigkeit hat giftige Lügen bis nach Djerad Thymar getragen, bezichtigt ihn des Mordes, der Ketzerei und finsterer Bündnisse, nennt Dawnbringer eine dämonische Fratze und befiehlt ihm feierlich, sich ihrem Henkers-Tribunal zu unterwerfen – oder als ehrloser Eidbrecher aus den Büchern getilgt zu werden. Kann die eigene Familie einen wirklich so schamlos verraten und fallen lassen?
Trotz des Schocks steht fest: Aufgeben ist nicht drin. Wir willigen ein, die Zusammenarbeit mit Silbrigmond und den Harfnern fortzusetzen, und bekommen mit der resoluten Natalia weiterhin eine feste Verbindungsoffizierin an unsere Seite gestellt. Unser nächstes Ziel ist auch schon beschlossen: Wir müssen so schnell wie möglich nach Süden, nach Leilon. Dort brennt die Hütte nämlich lichterloh – die fanatische Faust, finstere Kulte und die geheimnisvolle Nugas Virile schlagen sich dort bereits die Köpfe ein. Werden wir rechtzeitig dort sein, um die Fäden zu entwirren, oder marschieren die Tall Hunters sehenden Auges direkt in die nächste offene Schlinge?
