Iymrith

Das Chaos in der Arena bricht unaufhaltsam über uns herein. Um der drohenden Lawine von steinernen Riesen etwas entgegenzusetzen, schlucken die Silberprinzessin und mein Trägerzwerg die verbliebenen magischen Elixiere – und wachsen Augenblick für Augenblick über sich hinaus, während um sie herum der Boden erzittert. Der Finsterelf und der Hibbelgnom zögern auch nicht lange: Sie zücken ihre magischen Feuerball-Ketten und schleudern glühende Geschosse auf die unheimlichen Stelen rund um den König. Mit einem schmerzhaften Fiepen verdampfen die Runen der Pfeiler, doch während die Silberprinzessin nach oben fliegt, macht sie eine verstörende Entdeckung: Die Gestalt von Iymrith in der schattigen Ehrenloge ist nur eine feige Illusion! Wo spuckt die echte Drachin ihre Blitze aus, wenn nicht auf ihrem Thron?

Wir haben keine Zeit zum Nachdenken, denn das eigentliche Unheil erwacht. Mit einem schrecklichen Mahlen aus Stein auf Stein setzen sich alle zwölf der riesigen Gladiatoren-Golems gleichzeitig in Bewegung und rücken unerbittlich auf uns vor. Und dann brechen die Neun Höllen los: In ihrer vollen, schrecklichen Pracht enthüllt sich Iymrith mit ihrer wahren Drachengestalt! Ihr verheerender Blitzodem peitscht durch die Arena, erhellt die Ruine in gleißendem Blau und hinterlässt nichts als glasigen Sand, Schmerz und das Entsetzen der Tall Hunters. Wer kann schon dem Zorn eines uralten Drachen trotzen?

Wir, also wir geben nicht auf. Wir beißen die Zähne zusammen, und die Gegenangriffe der Tall Hunters sowie von Tante Brysis schlagen tief in die Schuppen der Drachin ein. Getroffen und voller Zorn brüllt Iymrith ihren Dienern eine eiskalte Anweisung zu: „Vernichtet die Magier!“ Tante Brysis weicht den dutzenden Blitzschlägen der Golems mit einer Eleganz aus, die mir den Atem raubt. Doch der Finsterelf hat nicht das Glück oder das Geschick der Arkanistin: Ein brutaler Treffer erwischt ihn voller Wucht, unter seiner Haut leuchten die Knochen auf, und wie vom Blitz getroffen bricht er lautlos zusammen. Nunja, nicht “wie” vom Blitz getroffen, sondern ganz ohne “wie”. Nur vom Blitz getroffen. Erneut bleibt sein Herz still und stumm. Ist das das finstere Schicksal, das in Form von Rabenfedern unerbittlich an ihm zerrt?

Während der Finsterelf leblos im Staub liegt, kämpfen die verbliebenen Helden wie die Löwen. Die Silberprinzessin treibt ihre Drachenlanze mit schierer Verzweiflung in die bereits klaffenden Wunden der Drachin, bis Iymrith erkennt, dass sie diesen Preis nicht zahlen will – kreischend dreht sie ab und flieht durch einen breiten Durchgang tief unter der Loge. Um uns die Flucht zu ermöglichen, wirft sich Brysis furchtlos in den Ring und zieht die Angriffe der verbliebenen Golems ganz auf sich. Der Trägerzwerg stürzt zum leblosen Körper seines Elfenbruders, drückt mit massiven Händen auf dessen Brust und zwingt das schlaglose Herz mit verzweifelten Hammerschlägen zurück ins Leben. Kann eine Zwergenfaust wirklich stark genug sein, um die Seele vor den Toren des Todes zurückzurufen?

Der Finsterelf schlägt keuchend die Augen auf, aber zum Durchatmen bleibt keine Sekunde. Der Riesenkobold, der Trägerzwerg und der Hibbelgnom packen die tonnenschwere, versteinerte Gestalt von König Hekaton und schleppen ihn mit letzter Kraft in den breiten Gang unter der Loge – genau dorthin, wohin Iymrith geflohen ist. Brysis vermutet hier das persönliche Sanktum der Drachin, einen gesicherten Ort, an dem ihr eigener Teleportationsschutz aufgehoben ist. Wir rennen um unser Leben, während wir die gewaltigen Steingolems förmlich hinter unserem Nacken spüren. Sind wir auf der Flucht vor den Wächtern oder rennen wir der geschlagenen Drachin direkt wieder in den Rachen?

Wir erreichen den gar nicht mal so verborgenen Teleportationsraum, aber womöglich haben wir uns zu früh gefreut: Der Boden ist über und über mit tödlichen Zauber-Glyphen übersät! Unter höchstmöglicher Anspannung gelingt es den Tall Hunters, einige der magischen Fallen rechtzeitig zu deaktivieren und eine schmale Schneise freizulegen. Kaum stehen wir alle auf der magischen Aussparung, webt der noch immer zitternde Finsterelf seine letzte verbliebene Magie. Mit dem inzwischen bekannten Ziehen, das mich an Zahnschmerzen erinnert, werden wir aus dem Raum gesaugt – und im nächsten Moment finden wir uns im sicheren, aber engen Heim der Harpell-Familie wieder. Wir haben den Riesenkönig gerettet! Mindestens mal seine Statue. Falls man da nix mehr machen kann, hat Serissa wenigstens ein lebensgroßes Andenken. Aber welchen Preis werden wir dafür zahlen müssen, dass Iymrith da draußen noch immer vor Wut schäumt?