Schicksalsfaden

Sterben ist kein Schnitt. Es ist ein Reißen von Fäden.

Ein Wimpernschlag lang waren da nur zuckende Schwingen im kalten Dunst über dem Mere of Dead Men, das Bersten eines kleinen Lebens – und dann ein Erwachen in fremder Kälte. Nun trage ich diese Federn. Der modrige Atem des Moors schmeckt nach stehendem Brackwasser, fauligem Torf und uraltem, verrostetem Eisen. Ich sehe sie von oben. Die Jäger. Sogenannte Helden, wie sie sich durch das zähe Grau quälen.

Der Weg nach Norden erstickt in Schlamm und Schweigen. Das Carnath Roadhouse liegt wie ein fauliger Zahn hinter ihnen, und die High Road verdient ihren Namen längst nicht mehr; sie ist nurmehr ein aufgeweichter Damm, der Zoll für Zoll im Morast versinkt.

Als die Schemen vor ihnen auftauchten, wählten die Jäger nicht das Schwert. Sechs traurige Gestalten im Schlamm, Rüstungen verbeult, Schilde verloren, das Wappen der Faust der Gerechtigkeit zerkratzt und von Schlick und Blut besudelt. Soldaten, gebrochen von etwas, das weit jenseits ihrer starren Gebete lag. Sie zuckten bei jedem Plätschern zusammen, murmelten im Delirium von Tentakeln, von Wasser, das sich erhob, von der Vernichtung ihrer Kähne vor Castle Naerytar.

Die Jäger hätten sie richten können. Sie hätten sie befragen können. Stattdessen duckten sie sich ins Schilf, hielten den Atem an, warteten und lauschten. Stunde um Stunde verrann im modrigen Dunst, während sie im Schatten der geschlagenen Kämpen hinterherschlichen.

Erst als das Moor endlich in karge Hügelkämme überging, stießen sie auf das wahre Gesicht dieser neuen Ordnung: Ein uralter, moosüberwachsener Menhir. Um seine steinerne Spitze lag die eine Schlinge, um den Hals der toten Hexe die andere. Drei weitere Unglückliche tanzten an den Ästen eines nahen, einsamen Baumes im Wind.

Für einen Herzschlag verharrten die Sterblichen unten am Boden. Das blonde Haar des gehängten Halblingsmädchens, der zierliche Körper – für einen Moment flüsterte ihnen der Verdacht den Namen Isabella ins Ohr. Ein Trugbild. Nur eine Gehilfin, eine Magd, gerichtet neben zwei gehörnten Knechten und der eigentlichen Beute der Inquisitoren: einer reifen Frau, deren Züge selbst im Tod eine seltsame Ruhe bewahrten. Unter ihrem linken Auge prangte das dunkle Mal einer dreigliedrigen Krähenklaue.

Ich sah herab, wie sie die Zeichen deuteten. Sie erkannten das Mal als Siegel einer Erzfee, einer Macht jenseits der Sterblichen. Doch der Name Iggwilv blieb ihnen fremd – eine tote Rune in einem verstaubten Wälzer, ohne jeden Widerhall in ihren Geistern. Sie begriffen nicht, wessen Blut hier die Erde tränkte. Ich tat es sehr wohl.

Als der Zwerg und die anderen herantraten, um Malva Vane aus der Schlinge zu schneiden und zu begraben, gab der Boden sein Geheimnis preis: Der Menhir war kein bloßer Stein, den man auf das Feld gewälzt hatte. Er reichte tief in das Fleisch der Welt, verzweigt wie eine versteinerte Wurzel, pulsierend von schwindender Magie. Und im eingenähten Saum ihres schmutzigen Kleides fanden sie das Zeugnis ihrer Torheit: Ein förmliches Pergament, gerichtet an Reverenz Prarol Suzita. Die Hexe war nicht geflohen. Sie hatte nicht gekämpft. Sie war gekommen, um zu verhandeln – um die Faust zu warnen.

Die Faust hatte nicht zugehört. Sie hatte den Strick geknüpft und das Siegel zerbrochen.

Die Stadt Leilon empfing sie später wie ein belagertes Tier. Von den Hügeln aus beobachteten sie die künstliche Lebensader: der gegrabene Kanal, der das Meer mit der Siedlung verbindet, und die flachen Kähne, die unaufhörlich Fracht von den draußen ankernden Schiffen ins Innere schaffen. Leilon rüstet sich. Hinter den neuen Wehrmauern hämmern die Schmieden der Faust, während der Gestank von Verwesung aus den Sümpfen heraufzieht und über den Dächern die Luft flirrt.

In der zweiten Nacht, als das Lager der Jäger im Halbdunkel lag, raschelte das Schilf. Nicht für alle. Nur für den Zwerg.

Gumba Kahn trat ins Zwielicht, gelockt von einer Präsenz, die nach feuchtem Moos und dunklen Sporen roch. Eleanor. Die Druidin der Nugas Virile stand vor ihm, nicht als Feindin mit todbringenden Zaubern, sondern mit Worten, die schwerer wogen als Eisen: In diesem Kessel aus Fanatikern und Myrkul-Toten sind sie keine Gegner. Sie brauchen einander, wenn Siedler, Handwerker und einfache Bauern nicht mit in den Abgrund gerissen werden sollen.

Ich sah, wie der Zwerg zurück an das Feuer trat. Seine Schultern waren angespannt. Zu den anderen sprach er nur ausweichend, während die Schatten um ihr Nachtlager länger wurden.

Sie spüren, dass hier mehr vor sich geht, als ihre Verbündeten aus Silbrigmond ahnen. Welche Schicksalsfäden vor Leilon gewoben werden, werden wir bald erfahren.

Sehr bald.