Zwischenspiel II

Dein alter Sessel ist noch immer mein liebster Ort in dieser Villa, die mir seit Aurysis’ Scheiden so stumm und leer vorkommt. In dem abgegriffenen Polster, das die Konturen deines Seins niemals vergessen wird, bin ich dem kleinen Mädchen in mir näher als irgendwo sonst. Ich habe es vollbracht, Mutter. Das Sonnenherz ist in meinem Besitz. Ein weiterer Schritt auf dem Pfad, den wir gemeinsam begannen.

Jetzt, da die Anspannung der vergangenen Tage von mir abfällt – nachdem ich die Zeitreisenden in deinem Grabmal zu langem Schlaf in Stein gebunden habe –, spüre ich den Zweifel deutlicher denn je. Ich bin allein. Unser Haus steht am Abgrund. Oder bin ich bereits gefallen und befinde mich nur noch in der trügerischen Schwerelosigkeit des Sturzes? Jenem Sturz, in den ich Telamont gezwungen habe. Es war nicht die Tiefe, die sein Ende besiegelte, sondern die Unbeugsamkeit des Bodens. Erwartet mich dasselbe Schicksal? Das Echo dieses Aufpralls, den ich selbst auf mich genommen hatte, lässt mich tief in den Polstern zusammenfahren.

Perfektion war stets dein Anspruch an uns. Und trotz aller Unwägbarkeiten des Gewebes fügte sich mein Plan mit bemerkenswerter Kunstfertigkeit. Zwei deiner Mörder sind gerichtet. Ein dritter wurde gedemütigt und floh wie ein getretenes Tier zurück in seinen Bau. Nur einer dieser Wanderer zwischen den Äonen wagte es, sich mir entgegenzustellen und das Sonnenherz für sich zu beanspruchen. Doch mein geheimer Faustpfand ließ seinen Widerstand letztlich schmelzen, wie das Eis aus dem ich das Abbild des Flughörnchens fertigte, das den Zeitreisenden so teuer ist.

Seinen Verrat rechtfertigt er mit der Behauptung, er müsse das Sonnenherz – das er pathetisch „Dawnbringer“ nennt – vor seinem Schicksal bewahren. Religiöse Eiferer … wie ich sie verabscheue. Immer wieder zeigt sich, dass dieses Gesindel selbst die engsten Gefährten preisgibt, nur um den abstrakten Dogmen von Göttern zu huldigen, denen das Sterbliche so gleichgültig ist wie der Staub unter ihren Sohlen.

Noch verhasster sind mir jedoch jene unter uns, die sich anmaßen, selbst zu Göttern zu werden. Ich schwöre dir, Mutter: Bevor das Haus Khaem auf dem unnachgiebigen Fels der Geschichte zerschmettert wird, werde ich Caspian in Asche verwandeln und Karsus von seinem Thron aus Hochmut stürzen. Und wenn es das Letzte ist, was ich für dich und meine Schwester tun kann. Das Siegel unseres Hauses verlangt nicht weniger.

Ich gieße mir ein weiteres Glas des Mondweins ein. Unser Vorrat geht zur Neige, doch ist nicht alles am Ende vergänglich? Der Anblick des schlafenden Mädchens auf dem Sofa gegenüber schenkt mir eine flüchtige Ruhe. Während meine Linke mit den kühlen Facetten des Tel’kiira spielt, umgreift meine Rechte das Kristallglas. Ein neuer Plan beginnt in meinem Geist Form anzunehmen. Was, wenn ich dem Schicksal doch noch ein letztes Mal ein Schnippchen schlage?

Ich erlaube mir ein Lächeln. Ich trinke auf dich, Mutter.